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Das Diktat der Faulheit

Ich geniesse es sehr, wenn ich mal nicht erreichbar sein muss. Sei es am Feierabend, am Wochenende oder in den Ferien. Diese Momente der Funkstille sind für mich wahrer Luxus. Doch es gibt einen Haken: Ich gehöre zu jener Generation, die das «echte» Offline-Sein kaum noch kennt. Seit Teenagerjahren bin ich es gewohnt, das Handy im Hosensack zu haben. Natürlich ist nicht alles schlecht daran. Man kann jederzeit an alle Informationen gelangen, die das Internet zu bieten hat. Man hat stets eine top Kamera mit sich, einen Sprachübersetzer und, und, und. Doch nicht alle Innovationen sind auch wirklich innovativ.

Ein Beispiel: die Sprachnachricht. Was soll das? Ich habe viele Freunde, bei denen ich mich normalerweise über eine Nachricht freuen würde. Doch sobald ich sehe, dass es sich um einen persönlich für mich erstellten Podcast handelt, ist die Vorfreude verflogen. Es ist das «Diktat der Faulheit»: Die Bequemlichkeit des Senders wird zur Arbeit des Empfängers. Der Sender mag Zeit sparen, aber nur auf Kosten des Hörers. Purer Egoismus.


Klassisch beginnt ein solcher Podcast mit einer ausführlichen Einleitung: Wo man sich gerade befindet, was gerade gemacht wird und wo es später noch hingehen soll. Das ganze Drumherum halt. Sprachnachrichten bieten die Möglichkeit, den Gesprächspartner ungebremst zuzutexten. Als Hörer kann man unmöglich erahnen, an welcher Stelle die relevante Information reinschneit. Schaltet man auf doppelte Geschwindigkeit, verpasst man den wichtigen Teil oft, denn dieser macht meist nur einen Bruchteil der Nachricht aus. Der Rest sind Floskeln. Meist endet das Ganze mit einem hilflosen: «Und jaa ... ähm ... ja.» Vielen Dank dafür.

Gerechtfertigt wird der akustische Überfall oft damit, dass der Sender «gerade keine Zeit» habe und beispielsweise im Auto sitze (ein sehr beliebter Einstieg). Mein Tipp: Sollte man mal keine Zeit fürs Handy haben, geniesst doch einfach diese Freiheit. Besonders im Auto kann man doch mal aufs Handy verzichten. Lebensgeschichten sollten am Stammtisch erzählt werden und nicht in einer Sprachnachricht.

Zum Abschluss eine Bitte an WhatsApp: Ich wünsche mir einen neuen Button in den Einstellungen: «Ich möchte keine Sprachnachrichten erhalten.»

 
 
 

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