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Von Uri in die weite Welt: ein «Rohdiamant» auf ATP-Kurs

Nicola Senn prellt den Tennisball auf den Boden, wirft ihn hoch und schmettert ihn übers Netz – sauber auf die Linie. Ein guter erster Aufschlag kommt da schnell mal auf 230 km/h. Noch gestern war er in Deutschland, in wenigen Tagen folgt Ägypten: Der junge Flüeler ist viel unterwegs. Heute jedoch ist er dort, wo seine Reise begann: im Tennisclub Seedorf. Hier drosch er bereits als Sechsjähriger seine ersten Bälle über das Netz.


Mit 20 Jahren reist Nicola Senn regelmässig von Turnier zu Turnier. Im vergangenen November setzte er dabei eine historische Marke: Er holte seine ersten ATP-Punkte – ein Novum in der Urner Sportgeschichte. «Ich habe etwas erreicht, das noch keinem Urner vor mir gelungen ist. Das macht mich stolz», sagt er sichtlich zufrieden. Ein Moment, der ihm wohl für immer in Erinnerung bleiben wird. Doch das soll nur der Anfang sein. «Das Ziel ist sicher, dass noch viele Punkte dazukommen.» In den nächsten zwei Jahren will er sich in die Top-500 der Welt spielen.


Nicola Senn hat bereits den ersten Meilenstein erreicht: seinen ersten ATP-Punkt.
Nicola Senn hat bereits den ersten Meilenstein erreicht: seinen ersten ATP-Punkt.

Feuer auf dem Platz

Wer Nicola Senn abseits des Courts trifft, begegnet einem ruhigen, fast zurückhaltenden jungen Mann. Doch sobald das Gespräch auf Tennis kommt, ist das Feuer sofort spürbar. Betritt er den Platz, streift er die Zurückhaltung gänzlich ab. Sein Spiel ist kein Abwarten auf Fehler des Gegners, sondern auf Angriff ausgelegt. Ganz im Gegensatz zum Eindruck, den man von ihm im Gespräch bekommt. «Mein Spielstil ist meistens aggressiv», sagt er und lacht. «Ich will das Spiel diktieren und nicht vom Gegner über den Platz geschickt werden.» Er schmunzelt. «Manchmal mit zu viel Risiko.»


Es ist die ständige Suche nach Kontrolle in einem Einzelsport, in dem man mit Fehlern und Erfolgen allein auf sich gestellt ist. Für Nicola Senn geht es darum, die eigenen Stärken durchzusetzen und die Schwächen des Gegners auszunutzen. «Das ist die Schönheit dieses Sports.» Dabei orientiert er sich an den Grossen der Zunft. Diente ihm früher die Eleganz eines Roger Federer als Massstab für Ästhetik und Leichtigkeit, beobachtet er heute intensiv die neue Generation um Carlos Alcaraz und Jannik Sinner. «Es ist schier unglaublich, welches Niveau diese beiden bereits in so jungem Alter haben», sagt er und schüttelt ungläubig den Kopf. Es ist der Respekt eines Lehrlings vor den Meistern ihres Fachs.


Nicola Senn bezeichnet sich selbst als aggressiver Spieler.
Nicola Senn bezeichnet sich selbst als aggressiver Spieler.

Rituale zum Fokus

Die Vorbereitung in der Kabine aufs Spiel läuft bei Nicola Senn immer gleich ab. Kontrolle vor dem Match, bevor das Chaos auf dem Court beginnt. Der Schläger wird vorbereitet, das Griffband gewechselt – zu beatgewaltiger und aggressiver Musik. «Erfolg ist kein Glück» von «Kontra K» dröhnt oft aus den Kopfhörern. «Das gibt mir Sicherheit», sagt Nicola Senn. «Es fährt meinen Puls herunter und bringt mich in den ‹Match-Mode›. Ich habe das Gefühl, dass nichts schiefgehen kann.»


Zur Vorbereitung gehört auch die taktische Analyse. Gemeinsam mit seinem Trainer erstellt er einen Matchplan und sucht nach Schwachstellen des Gegners. Auf internationalem Parkett ist das allerdings ein hartes Stück Arbeit: «Dort kennt man längst nicht jeden Gegner. In der Schweiz hingegen weiss man meistens genau, was – oder besser, wer – einen erwartet.»

Doch auch der beste Plan schützt nicht vor Rückschlägen. Frust und bittere Momente sind im Tennis allgegenwärtig. Oft spielt man gegen sich selbst, gegen die Nervosität und gegen die eigenen Nerven. Ans Aufgeben hat Nicola Senn jedoch selbst nach schmerzhaften Niederlagen nie gedacht. «Im ersten Moment nach einer Niederlage nervt es mich. Aber ich bin niemand, der das Handtuch wirft», sagt er. Den Spass am Spiel hat er nie verloren – auch wenn die Emotionen manchmal ein Ventil brauchen. Und trotzdem: «Nur einmal», erinnert er sich lachend, «musste im Training ein Schläger dran glauben.» Es blieb eine Ausnahme. Kein Djokovic also, der von den «grossen drei» mit 62 Schlägern die meisten zertrümmert hat.


Einmal im "Match-Mode", kann nichts mehr schiefgehen.
Einmal im "Match-Mode", kann nichts mehr schiefgehen.

Ein Weg ohne Juniorenkarriere

Juniorenturniere spielte Nicola Senn nicht viele. Als junger Teenager verbrachte er nur wenige Stunden mit dem Trainer auf dem Tennisplatz – einmal in der Woche. Jedoch trat er bereits mit 14 Jahren bei Turnieren für Erwachsene an und bestritt sonstige Schweizer Turniere. Im Alter von 16 Jahren platzte bei ihm der Knoten. Er merkte, dass er das Potenzial für mehr hat. Mit 19 Jahren entdeckte er bei Schweizer Turnieren schliesslich Trainer Jürgen Strehlau. «Ich bin auf ihn zugegangen und wir haben geredet. Er hat mir Möglichkeiten aufgezeigt», erinnert sich Nicola Senn. Das war der Wendepunkt: Ab diesem Moment wollte er mehr. Erstmals spielte er mit dem Gedanken, Profi zu werden. «Spätestens da habe ich die Liebe zum Tennis entdeckt», sagt der Flüeler.


Kein gewöhnlicher Trainer

Dass Träume im Profisport – und besonders im Tennis – oft an der harten Realität zerschellen, ist kein Geheimnis. Kaum jemand weiss das besser als Jürgen Strehlau. Der erfahrene Trainer hat schon viele kommen und gehen sehen, hat Karrieren in die Top-20 der Weltrangliste begleitet und trainierte auch das Schweizer Talent Dominik Stricker. Er blickt mit der Gelassenheit eines 84-jährigen Experten auf den Tenniszirkus. In Nicola Senn sieht er ein grosses Potenzial: «Er ist ein Rohdiamant.»


Jürgen Strehlau erinnert sich gut, als er Nicola Senn zu seinem ersten internationalen Turnier mitnahm. «Er hat noch keinen Ball getroffen», sagt der Trainer und lacht. «Doch sein Typ hat mich da schon beeindruckt.» Damit meint er Nicola Senns Stärke im mentalen Bereich. Diese sei besonders wichtig, ist der Experte überzeugt. «Der Kopf macht 80 Prozent des Spielers aus.» Doch auch wenn Jürgen Strehlau seinen Charakter mit der Note 6 beurteilt und seine Disziplin als ausserordentlich einstuft, relativiert auch er. «Nicola hat definitiv alles, was es braucht, um sich in die Top-200 zu spielen. Das Fiese im Tennis ist jedoch: Das haben 20 000 andere auch.» Nicola Senn habe definitiv das Zeug dazu.


Alles unter einem Hut

Mit dem Wechsel zum Klub Lido Luzern im Jahr 2021 begann für Nicola Senn eine neue Phase – auch neben dem Tennisplatz. Noch im Jahr zuvor startete er seine Ausbildung als Konstrukteur bei der Gipo in Seedorf. «Es war nicht einfach, während der Lehre alles unter einen Hut zu bringen», sagt Nicola Senn. Denn sein Trainingspensum erhöhte er deutlich – von einer Einheit pro Woche hin zu anfänglich drei Einheiten pro Woche. Seit Abschluss der Lehre sind es nun bis zu 2 bis 4 Stunden pro Tag.


Das Training findet mittlerweile längst nicht nur auf dem Court statt: Krafttraining sowie mentales Training gehören fest zu seinem Programm. Auch in diesem Bereich hat er mit Patricia Leuenberger eine professionelle Betreuerin im physischen sowie psychischen sportlichen Bereich gefunden.


Das Training findet schon lange nicht mehr nur auf dem Court statt.
Das Training findet schon lange nicht mehr nur auf dem Court statt.

Auf die internationale Bühne

Seit 2024 ist Nicola Senns Alltag zweigeteilt. Er hat seine Ausbildung abgeschlossen und arbeitet zu Beginn in einem 50-Prozent-Pensum und ab diesem Jahr in einem 30-Prozent-Pensum bei der Gipo. Die restliche Zeit investiert er fast vollständig in den Tennissport. Kurz nach seinem Lehrabschluss bestritt er sein erstes internationales Turnier; seither kamen 21 weitere hinzu. Seine Reisen führten ihn unter anderem nach Portugal, Mexiko und Ägypten. Letztere bezeichnet er als Highlight – nicht zuletzt darum, weil er dort seinen ersten ATP-Punkt erspielte. Tennis bedeutet für ihn somit auch, mit dem Schläger um die Welt zu reisen. «Wenn organisatorisch möglich, spiele ich bei Turnieren in der Nähe.»


Sportlich ist das Niveau auf internationaler Ebene deutlich höher als in der Schweiz: «Man trifft dort auf Gegner aus den Top-200 der Welt.» Zum Vergleich: Neben Stan Wawrinka sind aktuell nur zwei weitere Schweizer in diesem Bereich klassiert. Nicht nur das spielerische Niveau unterscheidet sich, auch die Organisation. «Alles ist ein wenig professioneller», sagt er. Internationale Turniere dauern meist eine Woche, wobei höchstens eine Partie pro Tag gespielt wird. Bei nationalen Turnieren hingegen sind zwei bis drei Partien täglich keine Seltenheit – zudem trifft man dort oft auf dieselben Gegner, da sich das Teilnehmerfeld kaum verändert.


Weiter Weg zum Grand Slam


Der Weg an die Spitze ist kein Selbstläufer, das weiss Nicola Senn. Vor allem die finanzielle Belastung ist im Tennis besonders hoch: Unterkunft, Flüge, Equipment und Startgelder summieren sich bei Auslandsturnieren schnell zu beträchtlichen Beträgen – ob am Ende ein Preisgeld herausspringt, bleibt ungewiss. «Im Tennis ist es extrem schwierig, Sponsoren zu finden», sagt Nicola Senn. Zwar erhält er bereits Unterstützung, doch für ein reines Profidasein reicht es derzeit noch nicht.


Vom Tennis leben zu können, bleibt jedoch sein erklärtes Ziel. Er hat sich einen klaren Zeitrahmen gesetzt: Zwei Jahre lang will er «Vollgas geben», um diesem Traum einen Schritt näher zu kommen. Sein sportliches Etappenziel sind die Top-500 der ATP-Weltrangliste. Momentan steht er noch auf Platz 1940, der Weg ist weit. Danach folgt eine Standortbestimmung. «Ich muss sehen, ob es mir dann noch Spass macht, ob die Fortschritte stimmen und ob das Ganze noch Sinn ergibt.» Der grösste Wunsch für die Zukunft steht ebenfalls fest: eine Teilnahme an den Australian Open. «Jeder der Grand Slams hat etwas Besonderes, doch für mich ist es die Stimmung in Australien, die es ausmacht.»


Sportlich, aber auch geografisch ist der Center Court jedoch weit in der Ferne. Jetzt ist er noch in Uri. Nicola Senn nimmt den nächsten Ball aus der Hosentasche, prellt ihn ein paar Mal und schmettert ihn übers Netz. Wieder – perfekt auf die Linie.


Der Weg ist weit und schwer, doch Nicola Senns Wille ist gross.
Der Weg ist weit und schwer, doch Nicola Senns Wille ist gross.

 
 
 

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