Die ungebrochene Faszination der Schallplatte
- Marius Gisler
- 11. Sept. 2024
- 5 Min. Lesezeit
Von einer Wiederauferstehung der Vinylplatte zu reden ist zu spät, denn der analoge Tonträger hat schon lange wieder Fuss gefasst in der digital dominierten Welt. Als die CD 1987 zum ersten Mal mehr Verkäufe als die Platte erzielte, wurde die Schallplatte immer mehr verdrängt, so weit, dass die Vinylplatte tot geglaubt wurde — so ergeht es heute der CD selbst. Doch Künstlerinnen und Künstler aus allen Musikgenres setzen wieder auf die Schallplatte, seit zwei Jahren werden global wieder mehr Platten als CDs verkauft. Namen wie Taylor Swift brechen bei den Verkaufszahlen der LPs alle Rekorde und treiben die «Vinylrenaissance» weiter voran. Obwohl die Konkurrenz des Onlinestreamings so gross ist wie noch nie zuvor, setzen zahlreiche Musikliebhaber auf das Altbewährte. Die Gründe dafür sind verschieden. Das unverkennbare Knistern und Rauschen im Zusammenspiel mit der hohen Klangdynamik schenkt der Musik eine warme Note, ein haptisches Medium ist stets beliebt, das Ritual des Abspielens führt zu bewusstem Hören der Musik und die Nostalgie bringt Hörerinnen und Hörer in eine frühere Zeit zurück.
Verborgene Schätze aus Vinyl
Wer alte Plattensammlungen durchstöbert, könnte durchaus erfreuliche Entdeckungen machen, denn besonders Kultalben und kleinere Auflagen von vor dem «Wiederaufstieg der Vinylplatte» 2007 können im guten Zustand schnell mehrere Hundert Franken wert sein. Vieles hat Einfluss auf den Preis der Platte, das Produktionsland, Erst- oder Neuauflage (firstpress oder repress) und natürlich Angebot und Nachfrage. Vinylplatten sind ein sehr beliebtes Sammelobjekt. Oftmals sind auch schon Singles — und nicht ganze LPs — bereits einiges wert.
Es begann mit «Procol Harum»
Einer, der die Schallplatte nie aufgegeben hat, ist Markus Lechthaler, er ist mit Vinyl gross geworden. «Mit dem ersten Geld, das ich in meiner Lehre 1972 verdient habe, habe ich mir eine Platte gekauft: ‹Procol Harum›, ‹Grand Hotel›.» Die Leidenschaft ist entstanden und schon wenige Jahre später begann die Karriere als DJ. Markus Lechthaler hat zusammen mit dem Freundeskreis eine Sammlung aufgebaut, und sie sind gemeinsam als DJs aufgetreten. Sie kauften nicht dieselben Platten, um die Sammlung möglichst effizient zu erweitern. Zu Beginn war die Vinylsammlung natürlich noch nicht so umfangreich, wie sie heute mit deutlich mehr als 3000 Scheiben ist. «Ich erinnere mich an meine erste Platte von ‹Status Quo›, ich habe sie zu Hause rauf- und runtergespielt — und das gleich mehrmals nacheinander. Noch heute höre ich meine Mutter: ‹Hesch dü de kei anderi Müsig?!›» Die Alben von ‹Status Quo› gehören heute immer noch zum Herzstück seiner Sammlung.
Die entstandenen Lücken der Sammlung füllt der pensionierte Coiffeur nun an Flohmärkten, Vinylbörsen und auch in Plattenläden und Brockenhäusern. «Mein Job war prädestiniert dafür, die Kunden hörten die Musik und erinnerten sich an die Alben. Sie erzählten, dass sie auch eine Sammlung zu Hause haben, welche «Lechti» mit Freude übernahm.

Vinylbörsen in Uri
Der pensionierte Coiffeur hat die Plattenbörsen nach Uri gebracht, vor zirka neun Jahren das erste Mal in seinem damaligen Geschäft. Als die Anfrage vom «Vogelsang» kam, diese Idee weiterzuführen, freute das Markus Lechthaler. «An die Börse kommen viele Leute. In den meisten Fällen Leute, die entweder bereits Liebhaber sind oder solche, die eine Sammlung geschenkt oder geerbt haben und diese mit eigenen Platten ergänzen wollen. Vinylplatten sind vergleichbar mit dem Oldtimer der Autos — es wird immer Liebhaber geben, aber nicht alle sind bereit, diesen Aufwand zu betreiben.» Die nächste Börse — Vinyl Sunday — findet am 29. September im «Vogelsang» statt. Zwei Wochen davor stellt Markus Lechthaler zusammen mit einem Freund bereits Schmuckstücke seiner Sammlung am Flohmarkt in Altdorf zum Verkauf.
Ritual für bewussten Genuss
Was macht diesen Tonträger für Markus Lechthaler so besonders? «Es ist ein ganz anderes Schaffen und Hören. Platte aus dem Regal nehmen, schauen, ob die Nadel sauber ist, Platte mit einem Tuch abstauben, Nadel nach vorne und dann erklingt Musik. Das ganze Ritual sorgt für einen viel bewussteren Genuss.» Zudem weist er darauf hin, dass man beim Hören der Platte alleine oder mit Freunden die ganze Scheibe durchhört, als DJ oder auf diversen Musikapps spielt man nur die einzelnen Songs davon ab. Doch auch bei Markus Lechthaler ist aus Zeitgründen und Verändern des Freundeskreises die Musik für eine Phase in den Hintergrund gerückt. Mit dem Aufkommen der CD ist er zeitweise auf das digitale Medium umgestiegen. Doch als er kurzfristig für einen Freund als DJ einspringen musste und mit dessen Plattensammlung spielte, ist das Feuer wieder entfacht und auch bis heute nicht mehr erloschen.
Werdegang einer Urner Hip-Hop-Ikone
Dieselbe Leidenschaft brennt auch in Roberto Stella. Der DJ, Beatboxer und Rapper ist aus der Urner Hip-Hop-Welt nicht wegzudenken, so ist er auch Initiator und Gründer des Summer Jam und des Vorgängers Altdorf Jam. Bereits 1989 — mit 13 Jahren — begann er sich für die Hip-Hop-Szene zu interessieren. Mit dem Beginn der Lehre 1992 lernte Roberto Stella auch das DJ-Handwerk. «DJ-Plattenspieler waren sehr teuer, darum kaufte mir meine Mutter in Italien, bei meinem DJ-Mentor in Martano, Lecce, meine ersten Plattenspieler. Die waren günstig und hatten Riemenantrieb — was das Markenzeichen eines Hip-Hop-DJs, das Scratching, noch viel schwerer macht.» Scratching bezeichnet die Erzeugung von Tönen durch rhythmisches Hin-und Herbewegen einer laufenden Schallplatte auf einem Plattenspieler bei aufgelegter Nadel.
In einem alten Bauernhaus in Schattdorf aufgewachsen, fand Roberto Stella den idealen Ort zum Üben — einen Dachboden, wo er ungestört seiner Musik freien Lauf lassen konnte. Er verfolgte unbeirrt seinen eigenen Weg, investierte in Plattenspieler und Vinyl, statt in Mopeds und Autos wie seine Feunde und reiste regelmässig nach Mailand, Luzern, Zürich und Lecce, um Vinylplatten zu erwerben. «Ich bin immer meine eigene Schiene gefahren.»

«Die Hip-Hop- und Rapszene ist von Vinyl geprägt»
Heute hat Roberto Stella über 3000 Schallplatten in seiner Sammlung — zudem eine der grössten Italo-Rap-Kollektionen der Innerschweiz. «Ich habe nie aufgehört, Vinyl zu kaufen, auch nicht, als viele andere auf die CD umgestiegen sind. Ich besitze keine CD-Sammlung.» Auch heute ist der DJ nie ganz auf ein digitales Medium umgestiegen. Obwohl er auch zwischendurch auf dem Laptop Musik abspiele, brauche er trotzdem Vinyl als Abspielmedium. «Ich erinnere mich an einen Auftritt in Luzern, ich spielte dort während 6 Stunden. Dafür hatte ich 400 Vinylplatten im Gepäck, mein Auto war komplett voll.» Mit heutigen USB-Sticks kann man Tausende Songs einfach im Hosensack transportieren. Doch was spricht dafür, als DJ auf die Schallplatte zu setzen? «Ich will mit dem Tonträger arbeiten und die Künstler unterstützen, nicht einfach nur Musik abspielen. Die Kreativität bei analogen Medien kennt keine Grenzen, es komme immer eine neue Idee.» Weiter schätzt Roberto Stella auch die Coverkunst sehr, je länger man sie betrachtet, desto mehr realisiert man, was alles versteckt ist.
Erfahrung, die man hören kann
Prinzipiell könne man mit jedem Plattenspieler, jeder Nadel und jeder Platte scratchen, sagt Roberto Stella. Es gibt aber spezielle Nadeln, die dafür besser geeignet sind, weil sie die Platte schonen. «Aber einen gewissen Verschleiss gibt es natürlich immer, deshalb benutze ich nicht jede meiner Platten zum scratchen.» Er findet aber: «Kleine Kratzer zeigen, dass die Platte Erfahrung hat.»



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