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Mittelalterliche Apokalypse im Schächental

Szene: Eine mystische, eindrucksvolle Bergkulisse prägt das Brunnital – rustikal und düster, doch gleichzeitig wunderschön. Ragende Bergwände, saftige Wiesen und eine scheinbar unberührte Natur. Eine einsame, mysteriöse Gestalt wandert über die steinige Wiese und kreuzt Wege mit einem obskuren Händler. Hinter dem verwesenden Händler ragt ein Schrumpfkopf aus dem Gestein. Zum Verkauf stehen Tränke und Wasser – im Tausch gegen menschliches Blut.


Ein postapokalyptisches Szenario, in der Hauptrolle steht ein geheimnisvoller Held – der «Relic Seeker». Ein einsamer, mächtiger Zauberer, der in einer trostlosen Welt voller Verdammter heroisch versucht, das Böse fernzuhalten, wie ihn der Hauptdarsteller Mauro Telli selbst beschreibt. Hexen und Magier stehen seinem Tun im Wege.


Das Schächental wird zum Schlachtfeld zwischen Gut und Böse.
Das Schächental wird zum Schlachtfeld zwischen Gut und Böse.

Apokalypse im Mittelalter


So sieht das Kurzfilmprojekt der Firma Bennick & Jo aus. Bennick & und Jo, das sind die vier jungen Urner Ben Wild, Joshua Arnold, Nick Funke und Tim Ziegler. Das Team will das Publikum in seinem neuen Film «Apocalypse: Middle Ages» in den Bann einer apokalyptischen Welt im Mittelalter ziehen. «Die Idee dazu kam mir im Militär auf einem Marsch. Wir marschierten durch die Natur, und ich erinnerte mich an einen früheren Kurzfilm von Tim Ziegler über eine Apokalypse. ‹Wie würde eigentlich eine Apokalypse im Mittelalter aussehen?›», erzählt der Regisseur Ben Wild. Gedreht wurde dafür im Schächental und in Hospental. «Action, Cut», diese Worte hallen mindestens 100 Mal durchs Brunnital und wecken die Neugier jedes passierenden Wanderers oder Autos – und sonst taten dies die auffälligen Kostüme und Requisiten. Doch zuerst an den Anfang.


Der frühe Vogel nutzt das Licht


Sonntag, frühmorgens, treffen sich die Regie, Schauspieler, Kameramänner und alle Beteiligten am Filmprojekt. Der frühe Treffpunkt hat einen Grund – heute ist Drehtag, und das Licht pro Tag ist begrenzt. Die letzten Vorbereitungen erfolgen, bevor die Filmcrew ins Schächental aufbricht. Der Raum ist gefüllt mit Kameraausrüstung und Filmrequisiten. Ben Wild bespricht mit seinen Kollegen von Bennick & Jo nochmals den Tagesablauf und welche Szenen wie gedreht werden müssen. Die Schauspieler üben nochmals das Skript und probieren ihre Kostüme. Make-up-Artistin Rubina Zberg schminkt nacheinander die Schauspieler, ganz nach den Vorstellungen des Regisseurs. Vieles wurde bereits am Vorabend erledigt. Alleine die Vorbereitung der Kameraausrüstung dauert mehrere Stunden, wie der Regisseur erklärt. Eine koordinierte Maschinerie, man merkt, dass es nicht der erste Drehtag war. Nachdem die Autos beladen sind, kann die Fahrt ins Brunnital losgehen.


Die Maske des Bösewichts.
Die Maske des Bösewichts.

Idee wird Realität


Wie kam es eigentlich zu diesem Kurzfilmprojekt? «Ich begann in der Rekrutenschule aus Langeweile an einem Drehbuch zu arbeiten», erklärt Ben Wild auf dem Weg ans «Set». Doch nicht das Drehbuch, sondern die Idee sei der erste Schritt beim Machen eines Filmes. Beim Schreiben eines Drehbuchs sei es wichtig, schon eine Vorstellung zu haben, was möglich ist. Danach überlege man, wer die Charaktere am besten verkörpern könnte. Anschliessend wird ein Storyboard erstellt – eine Skizze der Schlüsselszenen, oft schon mit Überlegungen zu Effekten und Musik, die für die Szene ausgesucht wurde. Der 20-jährige Regisseur erklärt, dass die Musik oft schon vor der Szene steht. «Viele Szenen basieren auf der Musik, die dafür ausgesucht wurde.»


Filmemacher als Hauptberuf


Trotz des jungen Alters bringen Bennick & Jo schon Erfahrung mit. Im Gymi haben sich Ben Wild, Nick Funke und Joshua Arnold kennengelernt und gemerkt, dass sie eine Faszination für den Film teilen. So schlossen sie sich zusammen. «Unseren ersten Kurzfilm haben wir aus Spass zum Geburtstag meiner Eltern gefilmt, damals noch mit 14 Jahren», erzählt Ben Wild. Der Film geriet in die Hände von Michel Truniger, Leiter des Theater Uri, welcher Potenzial in den Jungen erkannte. Er fragte sie an, einen Film fürs Theater Uri zu drehen. Dieser Film kam gut an und wurde oft gesehen. Bald erhielten sie erste Anfragen von Firmen für Werbefilme und Social Media Management. Der nächste Film war dann schon für die Maturaarbeit. Wenig später kam Drohnenpilot Tim Ziegler dazu. Schnell fiel dem Team auf, dass er auch abseits der Drohne filmtechnisch versiert war. Das Quartett war nun vollständig. Der bisher grösste Auftrag kam von einer grossen Firma aus Zürich. «Da merkte ich, das ist das, was ich im Leben machen will und das auch finanziell funktionieren kann.» Ben Wild und Joshua Arnold leben mittlerweile Vollzeit als Filmemacher. «Apocalypse: Middle Ages» wird mit 25 Minuten Laufzeit ihr bisher längstes Projekt. Das Filmen dafür beansprucht sechs bis sieben Drehtage, mit 14 Personen an der Produktion. Das gesamte Projekt begann im Juli und wird im Januar fertiggestellt.


Ben Wild (rechts) und Nick Funke analysieren eine gefilmte Szene.
Ben Wild (rechts) und Nick Funke analysieren eine gefilmte Szene.

Angekommen im Brunnital


Am Schauplatz angekommen, wird als Erstes das Gelände nochmals genau studiert, um den idealen Drehort zu bestimmen. Das Wetter meint es gut mit der Filmcrew, der Regen bleibt aus, und der bewölkte Himmel verleiht dem Ganzen eine mystische Aura. Kameras werden installiert, das Skript wird nochmals überflogen, und schon bald heisst es zum ersten Mal des Tages: «Action». Vieles kann natürlich schiefgehen beim Dreh. Versprecher oder Lacher sind kein Problem, die Szene wird kurz wiederholt. Schwieriger wäre ein Kameraproblem. Tim Ziegler erklärt, dass sie den Fokus manuell setzen, um die volle Kontrolle über das Bild zu behalten. «Leichte Unschärfen übersieht man schnell auf dem kleinen Kameradisplay, doch auf der Leinwand wären sie kaum zu übersehen.» Gefilmt wird Stück für Stück, nicht die ganze Szene auf einmal. «Eine 30-sekündige Szene kann Stunden des Filmens beanspruchen», erklärt Ben Wild. Jede Reaktion, jede Mimik und selbst ein Augenzwinkern werden aus verschiedenen Winkeln und mit unterschiedlichen Kameras separat gefilmt. «Der Aufwand des Sortierens der Aufnahmen wird oft unterschätzt. An einem Drehtag kommen schnell über 100 Einzelaufnahmen zusammen.» Zudem wird die Audiospur separat aufgenommen und muss später mit dem Bild synchronisiert werden.


Jede Stunde Licht zählt.
Jede Stunde Licht zählt.

Nachbearbeitung kennt keine Grenzen


Nach dem Dreh folgt die Nachbearbeitung: «das Beste», sind sich Ben Wild und Tim Ziegler einig. «Beim Prozess der Nachbearbeitung kann man extrem viel aus dem Material herausholen und Zeit investieren. Wie ein roher Stein, man kann polieren, bis er glänzt», sagt Ben Wild. Tim Ziegler ergänzt: «In der Nachbearbeitung ist man alleine unterwegs und hat die Freiheit, so lange an den Szenen zu arbeiten, bis alles perfekt ist.» Ein wichtiger Schritt beim Processing ist das «Colourgrading». Die Aufnahmen entstehen im «Log»-Format, ein nahezu farbloser Rohzustand. Über dieses Format werden fünf Schichten der Farbverarbeitung gelegt, sodass die Atmosphäre einheitlich und passend gestaltet werden kann. Audioeffekte werden hinzugefügt, von den Tonaufnahmen wird alles, ausser den Gesprächen, herausgeschnitten. Danach wird das Bild mittels Effekten bearbeitet. Zum Schluss wird die Musik hinzugefügt, das Sounddesign nimmt viel Zeit in Anspruch. «Sehr viele Kunstformen in einem Medium vereint, darum fasziniert mich Film», sagt Tim Ziegler.


Auf der grossen ​​​​​​​Leinwand


Nach getaner Arbeit kommt das Vergnügen – und das sogar im Grossformat. Denn die Premiere des Kurzfilms «Apocalypse: Middle Ages» wird im Cinema Leuzinger in Altdorf gefeiert. «Am Schluss mit allen Beteiligten das fertige Werk auf der grossen Leinwand zu erleben – das ist immer ein besonderer Moment», erklärt Ben Wild. «Es ist eines der Highlights des Filmemachens, zu sehen, wie sich das Team über die Szenen und Inszenierungen freut.» Auch für die Schauspieler ist die Vorfreude natürlich schon da. «Ich kann es kaum erwarten, meine Freunde und mich auf der grossen Leinwand zu sehen. Ich spreche nur noch über den Film und bin sehr stolz, dabei sein zu dürfen», so die Schauspielerin Rubina Zberg.


Rubina Zberg mitten in der Szene.
Rubina Zberg mitten in der Szene.

 
 
 

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