Urner Schülerin rechnet sich an die Weltspitze
- Marius Gisler
- 12. Juli 2025
- 4 Min. Lesezeit
Was gibt 37 mal 11? «407», antwortet Hongjia Meng nach kurzer Denkpause – überrascht über die Frage. Was anderen Kopfschmerzen bereitet, macht der 16-jährigen Kollegischülerin aus Uri schlicht Spass.

Wenn Hongjia Meng lächelnd sagt, sie sei «nicht besonders talentiert», wirkt das fast unglaublich, wenn man ihre Erfolge betrachtet. Denn die Altdorferin hat dieses Jahr Mathematikgeschichte geschrieben: Als erste Schweizerin gewann sie Gold bei der europäischen Mädchen-Mathematik-Olympiade (EGMO). Noch eine Woche zuvor hat sie als erste Frau seit 14 Jahren die Schweizer Mathematik-Olympiade gewonnen – und das nur ein Jahr nach ihrem Bronzemedaillendebüt. Hinzu kommen Bronze bei der europäischen Informatik-Olympiade, Bronze bei der Linguistik-Olympiade und eine Teilnahme bei der Philosophie-Olympiade.
Ein Ausnahmetalent? Man möchte es sagen. Sie selbst winkt jedoch bescheiden ab: «Ich glaube überhaupt nicht, dass ich besonders talentiert bin. Ich bin kein Genie, ich habe einfach Spass daran», sagt Hongjia Meng. «Ich bin nicht nicht-normal», sagt sie und lacht.
Olympiade als Logik-Spielplatz
Was Hongjia Meng besonders fasziniert: «An den Olympiaden geht es im Kern immer um Logik. Ob Mathematik, Informatik, Philosophie oder Linguistik – überall versucht man, ein Rätsel zu lösen.» Tatsächlich verbindet all diese Disziplinen mehr als man auf den ersten Blick vermutet. «Bei der Linguistik-Olympiade bekommt man zum Beispiel einen Text in einer ausgestorbenen Sprache und ein paar bekannte Übersetzungen. Dann muss man mit Logik Muster finden, neue Wörter erschliessen – und so die Sprachstruktur entschlüsseln. Das ist wie Mathematik, nur mit Wörtern.»
Die Mathematik sieht sie als Zentrum vieler Wissenschaften – als ein Spielfeld, auf dem Logik, Kreativität und Struktur zusammentreffen. «Was mir besonders gefällt, sind die spielerischen Aufgaben – wie beispielsweise in der Kombinatorik, wo es um Strategien im Spiel geht», sagt sie. Mathematik ist für sie kein trockenes Rechnen, sondern kreatives Problemlösen.
Kein Druck
Druck verspürt sie keinen an den Wettbewerben, worüber sie sehr glücklich ist. «Es ehrt mich sehr, die Schweiz vertreten zu dürfen.» Es mache sie stolz, besonders, dass sie mit der Goldmedaille etwas zurückgeben konnte.
Doch auch wenn es mal nicht für die Medaille reicht, mache das nichts. «Die Prüfung ist meist nur über zwei Tage, ein Blackout ist immer möglich.» In ihrem Leben habe ihr nie jemand anders Ziele gesetzt, als sie sich selber. «Wenn ich mir ein Ziel setze, hilft das beim Training.»
Das Leben neben den Zahlen
Wenn man an vielen Olympiaden teilnimmt – und das tut Hongjia Meng – bleibt wenig Zeit, sich für alle gleich intensiv vorzubereiten. Trotzdem lebt sie, wenn sie nicht gerade die Schweiz vertritt, einen normalen Teenageralltag in Uri: zwischen Schule, Musik und Freizeit.
Ihre Reise begann weit entfernt: Geboren in China, verbrachte sie frühe Kindheitsjahre dort und lebte zwei Jahre in Südkorea, bevor sie vor sechs Jahren in die Schweiz – und direkt nach Uri – kam. Heute besucht sie das Kollegi in Altdorf und kommt nach dem Sommer in die 5. Klasse. Zudem spielt sie zwei Instrumente – Cello und Klavier. Hongjia Meng ist ausserdem jedes Jahr beim Solistenkonzert dabei und spielte früher auch in einem Orchester mit. «Musik ist ein super Weg, sich in eine Gesellschaft zu integrieren», sagt sie.
Donnerstags schiesst die 16-Jährige Luftgewehr im Verein. Auch da habe sie viele unerwartete Freundschaften geschlossen. Bis sie nach Uri kam, habe sie noch nie mit einem Gewehr geschossen. In Südkorea habe sie ihre Freizeit dem Reiten und Eiskunstlaufen gewidmet. «Das war schwierig, in Uri einen Ort dafür zu finden. Dafür fand ich das Schiessen. Sport im Allgemeinen macht mir Spass.»
An den Wochenenden geht sie gerne an Konzerte oder besucht Freunde. «Mathe ist mir schon wichtig, aber nur Mathe im Leben kann es auch nicht sein», sagt sie und lacht.

Mädchen können Mathe
Es gibt bei den Wettbewerben viel weniger Frauen als Männer. Wieso, das kann sich Hongjia Meng nicht erklären. «Dass Jungs besser in Mathe sind als Mädchen, ist Quatsch», sagt sie. «Ich bin froh, dass ich als Frau nicht als Ausnahme gesehen werde.» Mehr Förderung für Mädchen in diesem Themenbereich würde sie sehr freuen.
Die Olympiade mag für einige abschreckend wirken, doch ihr Appell: «Habt keine Angst! Man muss kein Profi sein, um mit Mathe-Wettbewerben anzufangen.» Zudem müsse man klein anfangen – wie im Sport, da brauche es auch Übung, um besser zu werden. Zudem gehe es ja nicht nur um den Erfolg. «Meine besten Erfahrungen an Wettbewerben sind nicht nur die Erfolge, sondern die Freundschaften, die ich schliessen durfte.»
Aller Anfang ist klein
Ihren Einstieg in die Welt der Olympiaden fand sie eher zufällig: Über den «Känguru»-Wettbewerb in der Primarschule entdeckte sie die Mathe-Olympiade. Schnell zog es sie zu den anspruchsvolleren Beweisaufgaben: «Dort muss ich nicht die Schnellste sein. Ich kann mich in Ruhe mit der Logik befassen – und eigene Theorien entwickeln.» Und um genau das gehe es auch in den fortgeschrittenen Runden in der Mathe-Olympiade – während in der ersten Runde viele Aufgaben in wenigen Sekunden gelöst werden müssen.
Heute ist sie Teil eines internationalen Netzwerks von Gleichgesinnten. Mit bis zu sieben Wettbewerben pro Jahr ist es ihr nicht möglich, das ganze Schuljahr anwesend zu sein. Denn die Turniere finden zum Teil in Australien, Kosovo, Japan oder irgendwo auf der Welt statt. Deshalb fehle sie zirka eine Woche pro Monat im Unterricht. «Letztes Jahr haben meine Noten leider ein bisschen darunter gelitten», sagt sie und lacht. Doch die Abwechslung sei sehr spannend. Stichwort Schule: Geht eine olympische Goldmedaillengewinnerin denn noch in den Matheunterricht? Ja. «Die Themen, welche an der Olympiade abgefragt werden, sind nicht die gleichen, wie in der Schule.» Jedoch kann das Training für die Olympiade trotzdem nützlich sein für den Schulstoff. «Ich versuche, täglich 3 bis 4 Stunden für Olympiade-Aufgaben zu üben», sagt Hongjia Meng. Um an allen Olympiaden Vollgas zu geben, fehle ihr jedoch die Zeit. Darum fokussiere sie sich hauptsächlich auf die Mathematik.

Erfolg mit Bodenhaftung
Trotz internationaler Triumphe bleibt Hongjia Meng bemerkenswert geerdet. Auf die Frage nach ihrem schönsten Olympiade-Moment nennt sie nicht etwa Medaillen oder Rankings, sondern: Spielabende. «Nach den Prüfungen sind alle Teilnehmer entspannter als vor dem Wettbewerb. Wir spielen oder tanzen zusammen – auch mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus anderen Ländern. Das ist sehr lustig und der Austausch schön.» Es sei immer eine gute Atmosphäre.
Momentan befindet sich Hongjia Meng in Australien – am grössten Mathematikwettbewerb der Welt. Ob es auch da für eine Medaille reicht, wird sich zeigen ...



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